Im Mai 2025 wurde ein neuer Papst gewählt. Eine Nachricht, die um die Welt ging, und viele Menschen haben danach die Website des Vatikans aufgerufen. Wer sich dort zurechtfinden wollte, stieß auf ein kleines Symbol mit Rollstuhl. Dahinter steckte ein sogenanntes Accessibility-Overlay.
Das klingt nach einer guten Idee. Es zeigt aber ziemlich gut, warum sich Barrierefreiheit nicht nachträglich anklicken lässt.
Was ein Accessibility-Overlay ist
Overlays sind Werkzeuge, die man mit ein paar Zeilen Code auf einer Website einbindet, oft als Barrierefreiheit-Plugin für WordPress oder als Skript eines Anbieters. Sie versprechen Barrierefreiheit auf Knopfdruck und bieten Funktionen wie größere Schrift, andere Kontraste oder eine Vorlesefunktion.
Auf dem Papier klingt das sinnvoll. In der Praxis gibt es mehrere Probleme:
- Die Website darunter bleibt, wie sie ist. Fehlende Überschriften, unbeschriftete Buttons oder Menüs, die nur mit der Maus funktionieren, werden nicht repariert.
- Menschen mit Screenreader haben meist eigene, gut eingestellte Hilfsmittel. Ein Overlay hilft ihnen nicht, wenn die Struktur der Seite nicht stimmt, und kann ihnen sogar in die Quere kommen.
- Die Bedienung des Overlays ist oft selbst nicht barrierefrei.
- Es entsteht der Eindruck, das Thema sei erledigt, obwohl an der Website nichts besser geworden ist.
Fachleute für Barrierefreiheit kritisieren Overlays deshalb seit Jahren. In den USA wurden Website-Betreiber trotz Overlay verklagt, und die US-Handelsbehörde FTC hat 2025 einen Overlay-Anbieter wegen irreführender Werbeversprechen zu einer Strafe verpflichtet.
Was mir auf der Vatikan-Website aufgefallen ist
So sah die Seite aus, als ich sie im Mai 2025 aufgerufen habe:
- kein klares Raster, viele lange Linklisten ohne erkennbare Ordnung
- eine Sprachauswahl, die man suchen musste
- eine Darstellung, die auf dem Handy nicht gut funktionierte
- ein Overlay, das wie ein Fremdkörper wirkte und beim Scrollen verschwand
Wer mit Tastatur oder Screenreader unterwegs ist, hat es auf so einer Seite schwer. Und wer nur schnell eine Information sucht, verliert sich ebenfalls. Gerade eine Institution, für die Teilhabe ein zentrales Thema ist, hätte hier mehr zeigen können.
Was ein Overlay kann und was nicht
Ein Overlay kann:
- Schrift vergrößern und Farben umstellen
- eine Vorlesefunktion anbieten
- Abstände und Zeilenhöhen ändern
Ein Overlay kann nicht:
- fehlende oder falsch verschachtelte Überschriften reparieren
- Buttons und Formularfelder sinnvoll beschriften
- ein Menü tastaturbedienbar machen, das nur auf Mausbewegungen reagiert
- Alternativtexte schreiben, die beschreiben, was ein Bild zeigt
- Inhalte verständlicher machen
Die zweite Liste ist genau das, worauf es bei Barrierefreiheit ankommt. Vieles davon können Browser und Betriebssysteme übrigens längst selbst, zum Beispiel die Schrift vergrößern oder Kontraste erhöhen.
Wie du Buttons richtig beschriftest, steht im Beitrag aria-label richtig einsetzen, wie gute Bildbeschreibungen aussehen, im Beitrag Alt-Texte für Bilder schreiben. Auch für das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz zählt ein Overlay nicht, mehr dazu im Ratgeber zum BFSG.
Was echte Barrierefreiheit bedeutet
Barrierefreiheit heißt nicht, eine Funktion einzubauen. Es heißt, von Anfang an an alle Menschen zu denken, die die Seite nutzen. Ein paar Grundlagen, die jede gute Website erfüllen sollte:
- Klare Struktur: Überschriften in der richtigen Reihenfolge, damit Screenreader die Seite gliedern können.
- Tastaturbedienung: Alles muss ohne Maus erreichbar und bedienbar sein.
- Sichtbarer Fokus: Man sieht jederzeit, welches Element gerade ausgewählt ist.
- Ausreichender Kontrast: Texte bleiben auch bei Sonnenlicht oder auf schlechten Bildschirmen lesbar.
- Alternativtexte: Bilder, die Inhalte transportieren, bekommen eine Beschreibung.
Davon profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung. Eine klare, gut strukturierte Seite hilft allen, auch Suchmaschinen. Eine ausführliche Checkliste findest du im Beitrag Was eine barrierefreie Website ausmacht.
Was du für deine Website mitnehmen kannst
Vielleicht denkst du jetzt, deine kleine Website sei nicht mit dem Vatikan vergleichbar. Gerade deshalb lohnt es sich. Bei einer überschaubaren Seite ist Barrierefreiheit mit wenig Aufwand machbar.
- Von Anfang an mitdenken. Barrierefreiheit beginnt beim Design, nicht bei der Nachrüstung.
- Weniger Ablenkung. Verzichte auf Animationen und Effekte, die keinen Zweck haben.
- Selbst testen. Bediene deine Seite einmal nur mit der Tastatur. Mit der Tab-Taste springst du von Element zu Element. Kommst du überall hin, und siehst du immer, wo du gerade bist?
- Overlay entfernen. Wenn deine Seite eins hat, investiere das Geld lieber in die Behebung der eigentlichen Fehler.
Auch PageSpeed Insights zeigt neben der Ladezeit eine Bewertung zur Barrierefreiheit. Für eine erste technische Prüfung eignen sich kostenlose Werkzeuge wie axe DevTools oder WAVE als Browser-Erweiterung. Sie finden viele typische Fehler, aber nicht alle. Ein kurzer Test mit Tastatur und Screenreader gehört deshalb immer dazu.
Kurz zusammengefasst
Ein Overlay macht keine Website barrierefrei. Es verdeckt höchstens, dass an der Seite selbst etwas fehlt. Barrierefreiheit ist Teil einer guten Website, genau wie Design, Technik und Inhalte. Sie lässt sich nicht abkürzen, aber bei einer neuen Website ohne großen Mehraufwand von Anfang an einplanen.
Ich prüfe jede Website, die ich baue, auf die Anforderungen der WCAG 2.2 in Stufe AA. Mehr dazu, wie ich arbeite, findest du unter Website erstellen lassen.
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